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25. August 2020
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19. Juli 2020 - Herrmann

Wissenschaftsmarketing und Verfallsprozesse im Wissenschaftsbetrieb?

Bei aller provokanter Zuspitzung: Täuscht es oder wirft der Beitrag von Kai-Uwe Hellmann das Schlaglicht eher auf die Schattenseiten des Wissenschaftsbetriebes – Antragsprosa, Beutegemeinschaft und Placebo-Effekt –, Schattenseiten, die beinahe schon Verfallsprozessen zu gleichen scheinen? Wenn ja, dann erschiene Wissenschaftsmarketing hier eher als ein Anhängsel, durch welches Individuen und Institutionen sich diese Verfallsprozesse zum eigenen Vorteil zu Nutze machen können, was wiederum den Verfall noch weiter befeuerte. Für diese Deutung spricht jedenfalls, dass Hellmann selbst an Ende seines Beitrags danach fragt, wo Wissenschaftsmarketing „am wenigsten Schaden anrichtet“.

Freilich, ob Wissenschaft selbst, gerade angesichts der seit Jahrzehnten in weiten Teilen herrschenden Finanznot und den nicht zu leugnenden Zwängen der Ökonomisierung, noch umfassend beschrieben ist, wenn etwa das Bundesverfassungsgericht sie als eine Tätigkeit definiert, die „nach Inhalt und Form als ernsthafter planmäßiger Versuch zur Ermittlung der Wahrheit anzusehen ist“ bzw. als eine „geistige Tätigkeit mit dem Ziel, in methodischer, systematischer und nachprüfbarer Weise neue Erkenntnisse zu gewinnen“, lässt sich ebenfalls durchaus fragen.

Wissenschaft, das ist deutlich, ist finanzhungrig und das auch in immer stärkerem Maße. Und in einer Gesellschaft, in der die Verteilung der zur Verfügung stehenden Ressourcen gemäß den erforderlichen Aufgaben gemeinschaftlich ausgehandelt wird, muss selbstverständlich auch die Wissenschaft – insgesamt, aber auch jede einzelne Institution und jedes einzelne Projekt – gut begründen können, weshalb und wozu die geforderten Ressourcen benötigt werden. Wissenschaftsmarketing kommt damit gleichsam automatisch ins Spiel.

Fraglich bliebe dann eigentlich nur, wie man dem von Hellmann erkannten gewissen „Unbehagen in dieser Kultur des Wissenschaftsmarketings, vornehmlich beim akademischen Personal“ begegnen könnte. Könnte es vielleicht daran liegen, dass Wissenschaftsmarketing mit Verfallsprozessen des Wissenschaftsbetriebes assoziiert wird, nicht zuletzt aufgrund genau solcher Beschreibungen?

 

Uwe Herrmann